Schlaflosigkeit, Krebs, Multiple Sklerose, therapieresistente Epilepsie, chronische Schmerzen, Essstörungen und Angstzustände sind nur einige der Erkrankungen, bei denen die wissenschaftliche Forschung eine Wirksamkeit von Cannabinoiden dokumentiert hat. Dabei geht es nicht um bloße Einzelfälle oder persönliche Erfahrungsberichte, sondern um klinische Studien, systematische Übersichtsarbeiten und, in einigen Fällen, sogar um Arzneimittel, die bereits von internationalen Zulassungsbehörden genehmigt wurden.
Cannabis sativa ist ein Naturheilmittel, das seit der Antike bekannt ist – seine therapeutische Verwendung reicht rund 6.000 Jahre zurück. Erst ab den 1950er-Jahren begannen Forschende jedoch damit, einzelne Phytocannabinoide gezielt zu isolieren: zunächst Cannabidiol (CBD), dann Tetrahydrocannabinol (THC) und später auch Terpene sowie Flavonoide. Falls du noch nicht genau weißt, was CBD ist, findest du hier einen Artikel mit einer klaren Erklärung zur Definition von CBD und seiner Wirkungsweise.
Die Entdeckung des Endocannabinoid-Systems – bestehend aus den Rezeptoren CB1 und CB2, körpereigenen Endocannabinoiden wie Anandamid und 2-AG sowie den Enzymen, die sie synthetisieren und abbauen – hat ein völlig neues Verständnis dafür eröffnet, warum diese Moleküle so tiefgreifend mit dem menschlichen Organismus interagieren.
Heute stehen zugelassene cannabinoidbasierte Arzneimittel zur Verfügung, darunter Epidyolex (reines CBD), Sativex (THC/CBD), Dronabinol und Nabilon. In Deutschland kann medizinisches Cannabis unter bestimmten Voraussetzungen ärztlich verordnet werden. Cannabisblüten, standardisierte Extrakte und bestimmte cannabinoidhaltige Arzneimittel kommen dabei je nach Krankheitsbild und ärztlicher Einschätzung infrage.
Jahrzehnte der Prohibition haben die Forschung verlangsamt und groß angelegte Studien erschwert. Die bereits verfügbaren Daten – von In-vitro-Studien bis hin zu randomisiert kontrollierten Studien am Menschen – haben dennoch einen beachtlichen wissenschaftlichen Wert. Das mögliche therapeutische Potenzial bei weit verbreiteten und oft schwer behandelbaren Erkrankungen ist alles andere als gering.
In diesem Artikel findest du eine ausführliche Übersicht über Erkrankungen, bei denen CBD und Cannabinoide therapeutisch eingesetzt werden können, zusammen mit den wichtigsten wissenschaftlichen Studien dazu.
Erkrankungen, bei denen Cannabinoide in Deutschland ärztlich eingesetzt werden können
In Deutschland gibt es – anders als in manchen anderen Ländern – keine starre, abschließende Liste von nur wenigen Erkrankungen, für die medizinisches Cannabis verordnet werden darf. Entscheidend ist vielmehr, dass eine schwere Erkrankung vorliegt und anerkannte Standardtherapien nicht ausreichend helfen, nicht angewendet werden können oder mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind.
In der Praxis betrifft das häufig unter anderem folgende Bereiche:
- Chronische Schmerzen, insbesondere neuropathische Schmerzen, wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirksam sind;
- Spastik mit Schmerzen, etwa bei Multipler Sklerose oder nach Rückenmarksverletzungen;
- Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Chemotherapie oder anderen stark belastenden Behandlungen;
- Appetitverlust, Kachexie und Gewichtsabnahme, zum Beispiel bei Tumorerkrankungen;
- Therapieresistente Tic-Störungen, darunter auch das Tourette-Syndrom;
- Weitere schwere Krankheitsbilder, wenn die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt einen begründeten therapeutischen Nutzen sieht.
Gemeint ist hier vor allem die medizinische Anwendung von Cannabis mit THC und CBD, also etwa Cannabisblüten, standardisierte Extrakte oder Fertigarzneimittel. Davon zu unterscheiden sind CBD-Produkte, die als frei verkäufliche Produkte angeboten werden, sowie CBD als zugelassenes Arzneimittel, für das wiederum eigene Regeln gelten.

Therapieresistente Epilepsie
Epilepsie ist wahrscheinlich das Gebiet, auf dem CBD bislang die solidesten klinischen Nachweise erbracht hat – einschließlich einer echten arzneimittelrechtlichen Zulassung. In etwa zwei Dritteln der Fälle beginnt die Erkrankung vor dem zwölften Lebensjahr und äußert sich durch Krampfanfälle, Zuckungen, auffällige Bewegungen, Empfindungsstörungen und Sprachprobleme. Ein erheblicher Teil der Betroffenen entwickelt eine therapieresistente Epilepsie, bei der klassische Antiepileptika die Anfälle nicht ausreichend kontrollieren.
2018 wurde Epidiolex/Epidyolex, ein Arzneimittel auf Basis von reinem Cannabidiol, für die Behandlung des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaut-Syndroms zugelassen, also zweier schwerer, kindlicher und therapieresistenter Epilepsieformen. In Deutschland wird Epidyolex in spezialisierten Zentren verordnet und kommt außerdem bei bestimmten Patientinnen und Patienten mit tuberöser Sklerose zum Einsatz.
Die Studie, auf der diese Zulassung wesentlich beruht – durchgeführt von Devinsky und Kolleginnen und Kollegen und 2016 in The Lancet Neurology veröffentlicht – umfasste 162 Patientinnen und Patienten unter 30 Jahren mit therapieresistenter Epilepsie. Nach 12 Wochen CBD-Behandlung wurde ein Rückgang der monatlichen motorischen Anfälle um fast 40 % beobachtet [28]. Israelische Forschungen von Tzadok in pädiatrischen Epilepsiezentren behandelten 74 Personen mit einer CBD-angereicherten oralen Formulierung: Die Anfallshäufigkeit nahm deutlich ab, und bei 18 % der Kinder lag die Reduktion zwischen 75 und 100 % [91].
Eine systematische Übersichtsarbeit mit 1.034 Personen mit Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom und tuberöser Sklerose bestätigte die Wirksamkeit von CBD bei der Verringerung von Anfällen bei zugleich vertretbarer Toxizität.
Der antikonvulsive Wirkmechanismus von Cannabidiol läuft nicht primär über die CB1-Rezeptoren. Studien deuten vielmehr auf eine Interaktion mit neuronalen Calciumkanälen und den Vanilloid-Rezeptoren (TRPV1) hin. Das erklärt, warum CBD bei Epilepsie wirksam sein kann, ohne psychoaktive Effekte hervorzurufen [27].
Chronische Schmerzen und neuropathische Schmerzen
Chronische Schmerzen – also Schmerzen, die länger als drei bis sechs Monate anhalten – gehören zu den am besten untersuchten Anwendungsgebieten von Cannabinoiden. Besonders neuropathische Schmerzen, die durch Schädigungen oder Erkrankungen des peripheren oder zentralen somatosensorischen Systems entstehen, sprechen häufig schlecht auf herkömmliche Therapien an, selbst bei längerem Einsatz von Opioiden.
Eine der meistzitierten systematischen Übersichtsarbeiten auf diesem Gebiet ist die von Whiting und Mitarbeitenden, veröffentlicht 2015 in JAMA. Analysiert wurden 28 Studien mit 2.454 Personen mit chronischen Schmerzen. Ein großer Teil der Arbeiten zu pflanzlichen Cannabinoiden zeigte, dass diese Wirkstoffe zu einer spürbaren Schmerzlinderung beitragen können [101].
Andreae und Kolleginnen und Kollegen führten 2015 eine Metaanalyse individueller Patientendaten zur inhalierten Cannabistherapie bei chronischen neuropathischen Schmerzen durch, mit günstigen Ergebnissen [5]. Wallace und Wilsey zeigten beide die Wirksamkeit von Cannabisblüten, auch wenn im ersten Fall die Wirkung von der Dosierung von CBD und anderen Cannabinoiden abhing [98, 102].
Auch bei Arthritisschmerzen und Fibromyalgie zeigen verschiedene präklinische Untersuchungen und einige klinische Daten, dass Cannabinoide Entzündungen und Schmerzüberempfindlichkeit verringern können. Eine Studie zur rheumatoiden Arthritis, veröffentlicht im European Journal of Rheumatology, zählt Nabilon zu den neuromodulatorischen Wirkstoffen mit potenzieller analgetischer Wirkung [75].
Darüber hinaus wurde ein möglicher Nutzen bei orofazialen Schmerzen, Schmerzen infolge von Rückenmarksverletzungen sowie bei Kopfschmerzen und Migräne untersucht. Präklinische Studien deuten darauf hin, dass CBD spontane Schmerzsymptome und CGRP-vermittelte Angstreaktionen senken kann. CGRP ist ein Peptid, das eine wichtige Rolle bei Migräneanfällen spielt.
Multiple Sklerose und Spastik
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, für die es bislang keine endgültige Heilung gibt. Läsionen an Motoneuronen führen häufig zu Spastik – also zu unkontrollierten oder schlecht koordinierten Bewegungen –, die die Lebensqualität vieler Betroffener massiv beeinträchtigt.
Sativex, ein oromukosales Spray mit THC und CBD im Verhältnis 1:1, ist in verschiedenen europäischen Ländern für die Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen, wenn Standardtherapien nicht ausreichen. Die Übersichtsarbeit von Wade und Mitarbeitenden aus dem Jahr 2010 analysierte Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten von Sativex bei MS-bedingter Spastik und kam zu positiven Ergebnissen [97]. Eine weitere Bestätigung stammt von Leocani und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2015, die die neurophysiologischen Effekte des Präparats auf fortschreitende Spastik bewerteten [49].
Die Übersichtsarbeit von Koppel aus dem Jahr 2014, erstellt im Auftrag der American Academy of Neurology, kam zu dem Schluss, dass oral eingenommenes THC langfristig wirksam gegen Spastik sein kann, während der kurzfristige Effekt weniger eindeutig erscheint [47]. Whiting fasste zudem drei Studien bei Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose zusammen, die im Vergleich zu Placebo eine deutliche Besserung berichteten [101].
Die Studie von Svendsen, Jensen und Bach an 24 Personen mit Multipler Sklerose zeigte außerdem, dass die Intensität der begleitenden neuropathischen Schmerzen unter Dronabinol sank. Gerade diese Schmerzen stehen häufig in engem Zusammenhang mit Entzündungsprozessen im zentralen Nervensystem. CBD könnte hier aufgrund seiner dokumentierten therapeutischen Eigenschaften und entzündungshemmenden Effekte eine unterstützende Rolle spielen.
Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie
Onkologische Patientinnen und Patienten, die mit Chemotherapeutika behandelt werden, leiden häufig unter Übelkeit und Erbrechen. Diese Beschwerden verschlechtern die Lebensqualität erheblich und machen die Behandlung oft schwerer erträglich. Zu den für diese Indikation eingesetzten Arzneimitteln gehören Nabilon und Dronabinol, beides synthetische Cannabinoide.
Die Übersichtsarbeit von Whiting et al. aus dem Jahr 2015 wertete 28 Studien mit 1.772 Teilnehmenden aus. Dabei zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten unter Cannabinoiden häufiger eine bessere antiemetische Wirkung hatten als unter Placebo [101]. Auch die Cochrane-Übersicht von 2015 unter Leitung von Smith und Kolleginnen und Kollegen wertete die verfügbare Evidenz aus; in drei der Studien traten in der behandelten Gruppe weder Erbrechen noch Übelkeit auf [85].
Meiri und Mitarbeitende verglichen 2007 Dronabinol allein, Ondansetron allein und die Kombination beider Wirkstoffe. Die Kombination zeigte die besten Ergebnisse bei verzögerter chemotherapiebedingter Übelkeit [58].
Wichtig ist, dass bei dieser Indikation vor allem die Wirkung von THC auf die Hemmung des Brechreflexes besser dokumentiert ist als die von isoliertem CBD. In höheren Dosen kann CBD sogar gegenteilige Effekte entfalten. Die Kombination aus THC und CBD scheint hier besonders interessant zu sein.
Neurodegenerative Erkrankungen: Parkinson, Alzheimer, ALS, Huntington
Morbus Parkinson
Morbus Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, die mit einem Dopaminmangel infolge des fortschreitenden Untergangs bestimmter Nervenzellen im zentralen Nervensystem einhergeht. Die derzeit gängigen Medikamente auf Basis von Levodopa können im Laufe der Zeit unwillkürliche Bewegungen, sogenannte Dyskinesien, auslösen. Diese Komplikation beeinträchtigt die Lebensqualität vieler Betroffener deutlich. Mehr dazu findest du auch hier: Parkinson-Krankheit.
Carroll und Kolleginnen und Kollegen zeigten bereits 2004 in einer randomisierten, doppelblinden Studie, dass Nabilon levodopainduzierte Dyskinesien verringern kann [21]. Sieradzan und Mitarbeitende kamen 2001 zu ähnlichen Ergebnissen [84]. Eine kleinere Untersuchung aus dem Jahr 2014 von Chagas und Kolleginnen und Kollegen an 22 Patientinnen und Patienten zeigte zudem eine deutliche Symptomverbesserung unter medizinischem Cannabis zur Inhalation [22].
Morbus Alzheimer
Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung mit starker entzündlicher Komponente. Entzündungsprozesse im Nervensystem begünstigen Veränderungen im Gehirn, die zu Demenz und fortschreitendem kognitivem Abbau führen. Dass CB1- und CB2-Rezeptoren im zentralen Nervensystem vorhanden sind, erklärt das große Interesse an Cannabinoiden in diesem Zusammenhang.
María L. de Ceballos vom Instituto Cajal des CSIC erforscht diese Störungen seit vielen Jahren. Eine Studie aus dem Jahr 2005 deutete darauf hin, dass CBD neuroprotektive Eigenschaften besitzt und die Aktivierung von Mikroglia hemmen kann, wodurch Nervenzellen geschützt werden [94]. Volicer und Kolleginnen und Kollegen dokumentierten bereits 1997 die Wirkung von Dronabinol auf Appetitlosigkeit und Verhaltensauffälligkeiten bei Alzheimerpatientinnen und -patienten [96].
ALS und Huntington-Krankheit
Bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) zeigten Cannabinoide in präklinischen Studien neuroprotektive Eigenschaften. Weber und Mitarbeitende führten 2010 eine randomisierte THC-Studie gegen ALS-bedingte Krämpfe durch [100]. Bei der Huntington-Krankheit kam eine Übersicht der American Academy of Neurology aus dem Jahr 2012 zu dem Schluss, dass sich die Chorea unter Nabilon verbessern kann [8]. Es wurden auch Verbesserungen im neuropsychiatrischen und verhaltensbezogenen Bereich beschrieben.
Das Endocannabinoid-System ist direkt an der Progression der Huntington-Krankheit beteiligt. Neuroimaging-Studien dokumentierten eine weit verbreitete Verringerung der CB1-Rezeptoren im Gehirn betroffener Patientinnen und Patienten [95].
Angststörungen und psychiatrische Erkrankungen
Angststörungen – darunter die generalisierte Angststörung, soziale Phobie, Panikstörung und posttraumatische Belastungsstörung – gehören wahrscheinlich zu den häufigsten Gründen, warum Verbraucherinnen und Verbraucher nach Cannabidiol suchen. Die wissenschaftliche Evidenz stützt dieses Interesse zumindest teilweise.
Eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 2011 umfasste 24 Patientinnen und Patienten mit sozialer Phobie und Paniksymptomen. Nach der Einnahme von CBD beobachteten die Forschenden eine Verringerung der sozialen Angst beim öffentlichen Sprechen, gemessen sowohl anhand subjektiver Einschätzungen als auch physiologischer Parameter wie Herzfrequenz und Blutdruck [27].
Zur posttraumatischen Belastungsstörung führten Jetly und Kolleginnen und Kollegen 2015 eine randomisierte, doppelblinde Studie mit Nabilon an 10 kanadischen Soldaten mit wiederkehrenden PTSD-Albträumen durch. Nach sieben Wochen Behandlung erwies sich der Wirkstoff als wirksam bei der Reduktion dieser Albträume [46]. Die vermuteten biologischen Mechanismen betreffen unter anderem die Modulation von Anandamid im zentralen Nervensystem durch Cannabinoide.
Für Depressionen bleibt die Evidenz aus spezifischen Studien bislang begrenzt. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen bei anderen Erkrankungen, bei denen depressive Symptome häufig auftreten – etwa chronische Schmerzen oder Multiple Sklerose –, positive Effekte auf die Stimmung der mit Cannabinoiden behandelten Patientinnen und Patienten [101].
Schlafstörungen und Schlaflosigkeit
Schlafstörungen sind auch in Deutschland weit verbreitet. Viele Menschen haben Schwierigkeiten beim Einschlafen, beim Durchschlafen oder leiden unter nicht erholsamem Schlaf. Dazu zählen verschiedene Formen von Insomnie, Parasomnien, schlafbezogene Atmungsstörungen – etwa obstruktive Schlafapnoe – sowie Störungen des zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus.
Die verfügbaren Studien zeigen, dass Cannabinoide – insbesondere Nabilon, THC/CBD-Kapseln, Dronabinol und inhaliertes Cannabis – die Schlafqualität im Vergleich zu Placebo verbessern können, vor allem bei Erkrankungen, die mit sekundärer Insomnie verbunden sind, darunter Multiple Sklerose, chronische Schmerzen und Fibromyalgie [79]. In niedriger Dosierung verkürzt THC häufig die Einschlafzeit, in höherer Dosierung kann sich dieser Effekt umkehren.
CBD verhält sich im Schlafzyklus anders als THC. Studien an Tiermodellen deuten darauf hin, dass Cannabidiol die Wachheit am Tag verbessern und gleichzeitig einen ruhigeren Nachtschlaf begünstigen kann. Dadurch ist CBD besonders interessant bei pathologischer Tagesmüdigkeit und bei Störungen des zirkadianen Rhythmus. Mehr dazu findest du in unserem Artikel über CBD und Schlaflosigkeit.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Reizdarmsyndrom
Das Reizdarmsyndrom (IBS) betrifft rund 10 % der Weltbevölkerung. Zu den Hauptsymptomen gehören Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung und Blähungen. Ein Teil dieser Beschwerden lässt sich über das Endocannabinoid-System erklären: Im Dickdarm befinden sich CB1-Rezeptoren sowohl in der Schleimhaut als auch in neuromuskulären Schichten [104].
In Rattenmodellen hemmen Endocannabinoide die Magen-Darm-Passage und die Darmmotilität. Eine pharmakologische Studie aus dem Jahr 2012 mit 36 Freiwilligen, durchgeführt von Wong und Kolleginnen und Kollegen, zeigte, dass Dronabinol die Motilität des Kolons verringern und Symptome wie Durchfall und Darmkrämpfe abmildern kann [103].
Bei entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) – darunter Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – untersuchte eine 2024 in Cureus veröffentlichte Studie das Potenzial von Cannabis in der Behandlung dieser Erkrankungen und deutete auf einen möglichen therapeutischen Effekt hin, der über CB2-Rezeptoren im Darm vermittelt wird.
Essstörungen: Adipositas, Anorexie, Kachexie
Adipositas
Der CB1-Rezeptor spielt eine zentrale Rolle im Stoffwechsel und bei der Regulation des Hungergefühls. Diese Erkenntnis führte zur Entwicklung von Rimonabant, einem CB1-Antagonisten. In klinischen Studien verringerte Rimonabant das Verlangen nach süßen Lebensmitteln und führte bei adipösen Personen zu einer deutlichen Gewichtsreduktion. Nach Absetzen der Therapie nahmen die Patientinnen und Patienten unter Placebo wieder zu. Dasselbe Präparat zeigte auch Effekte beim Rauchen und auf das kardiovaskuläre Risiko [30].
Anorexie und Kachexie
Sekundäre Anorexie – also Appetitverlust im Zusammenhang mit Krebs, HIV oder AIDS – kann lebensbedrohlich werden. Eine systematische Übersicht zu Dronabinol und inhaliertem Cannabis zeigte, dass Cannabinoide das Wasting-Syndrom bei HIV/AIDS wirksam reduzieren können. Im Durchschnitt nahmen die behandelten Personen 0,1 kg zu, während die Placebogruppe 0,4 kg verlor [88]. Bei Krebspatientinnen und -patienten war die Kombination aus Megestrolacetat und Dronabinol wirksamer als das Cannabinoid allein [45].
Hauterkrankungen: Akne, Psoriasis, atopische Dermatitis
Akne
Eine 2014 im Journal of Clinical Investigation veröffentlichte Studie von Oláh und Kolleginnen und Kollegen bestätigte, dass Cannabidiol sebostatisch wirkt. Es reduziert die Talgproduktion der Talgdrüsen, hemmt die übermäßige Vermehrung von Hautzellen und wirkt entzündungshemmend. Dadurch kann es auch die Bildung geröteter Areale rund um verstopfte Poren verringern [106]. Eine spätere Untersuchung derselben Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2016 vertiefte die unterschiedlichen Wirkungen nicht psychoaktiver Phytocannabinoide auf Sebozyten und zeigte mögliche Anwendungen bei trockener, seborrhoischer und zu Akne neigender Haut [107].
Psoriasis
Psoriasis ist eine Autoimmunerkrankung, die nicht nur die Epidermis, sondern auch die Gelenke betreffen kann. Typisch sind verdickte Hautareale und silbrig schuppende Plaques. Eine Studie aus dem Jahr 2016 zu Cannabis bei refraktärer Psoriasis deutete darauf hin, dass Cannabinoide das Immunsystem modulieren und die entzündliche Reaktion abschwächen könnten [108]. Die topische Anwendung eines PEA-Analogons (Adelmidrol), eines endocannabinoidähnlichen Stoffes, verringerte in experimentellen Modellen entzündliche Prozesse bei allergischer Dermatitis und Psoriasis.
Atopische Dermatitis
Studien zu CB2-Rezeptoren, die an verschiedenen Formen von Dermatitis beteiligt sind, zeigen, dass Substanzen, die CB2 beeinflussen oder hemmen, Entzündungszustände abschwächen können. Ein Artikel im British Journal of Dermatology beschrieb außerdem eine Beteiligung des CB1-Rezeptors bei Ekzemen und deutete damit auf eine mögliche Rolle von topischem THC bei atopischer Dermatitis hin [110].
Krebs
Die Beziehung zwischen Cannabinoiden und onkologischer Behandlung ist vielschichtig. Auf der einen Seite steht die Kontrolle belastender Symptome wie chemotherapiebedingte Übelkeit, Tumorschmerzen oder Kachexie. Diese Anwendungen sind in vielen medizinischen Zusammenhängen bereits etabliert. Auf der anderen Seite gibt es die Forschung zur direkten antitumoralen Wirkung von Cannabinoiden, die bereits seit den 1970er-Jahren läuft.
Eine 2014 im Journal of Neuro-Oncology veröffentlichte systematische Übersicht wertete 35 In-vivo- und In-vitro-Arbeiten über die antitumorale Wirkung von Cannabinoiden bei Gliomen aus. Dokumentiert wurden antiproliferative Effekte, eine Verringerung der Tumormasse und Wirkungen gegen die Bildung von Metastasen [76]. Vor allem CBD zeigte die Fähigkeit, Apoptose – also den programmierten Zelltod – in Tumorzellen auszulösen und die Angiogenese zu hemmen, also die Neubildung von Blutgefäßen, die Tumore versorgen. Eine Studie aus dem Jahr 2024 in Molecules untersuchte genauer, über welche Mechanismen CBD antitumorale Effekte bei Karzinomen und anderen soliden Tumoren ausüben könnte.
Wichtig ist aber die klare Einordnung: Diese Hinweise stammen überwiegend aus In-vitro-Studien und Tiermodellen, nicht aus groß angelegten klinischen Studien am Menschen. CBD und andere Cannabinoide sind derzeit keine zugelassenen antitumoralen Arzneimittel, auch wenn die Forschung in diesem Bereich weiterläuft.
Glaukom
Ein Glaukom entsteht durch Erkrankungen, die den Sehnerv schädigen – häufig im Zusammenhang mit erhöhtem Augeninnendruck. Laborstudien an Ratten zeigten, dass Cannabinoide den Augeninnendruck deutlich senken können und dass CBD die okuläre Toxizität sowie neurotoxische Effekte von THC teilweise abmildern kann [90]. Im Ziliarkörper von Ratten wurden CB1-Rezeptoren in deutlich höherer Konzentration gefunden als in anderen Teilen des Auges.
Gerade deshalb wird Glaukom in der Diskussion um medizinisches Cannabis immer wieder genannt. Langfristige Studien zur Wirksamkeit von Cannabinoiden beim Glaukom am Menschen sind bislang jedoch begrenzt.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Phytocannabinoide beeinflussen den Blutdruck, die Gefäßbeweglichkeit, Muskelspasmen und die Herzaktion über die Verteilung des Endocannabinoid-Systems im zentralen Nervensystem und in der Gefäßfunktion. CB1-Rezeptoren im Herzen können die Stärke der Herzkontraktionen verringern.
Damit rücken Cannabinoide potenziell auch bei Bluthochdruck, Atherosklerose, Myokardischämie und Schlaganfall in den Fokus. Die bisherige Forschung deutet darauf hin, dass CBD im Vergleich zu THC in diesem Bereich der geeignetere Kandidat sein könnte, weil es Wirksamkeit mit einer geringeren Belastung durch kardiovaskuläre Nebenwirkungen verbinden könnte. Trotzdem erfordert der Einsatz von Cannabinoiden bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer eine sorgfältige ärztliche Abklärung, da sie die Herzfrequenz beeinflussen können.
Tourette-Syndrom
Das Tourette-Syndrom äußert sich durch spontane motorische und vokale Tics sowie nicht selten durch zwanghafte Verhaltensweisen. Die vier Studien von Müller-Vahl und Schneider – darunter eine randomisierte Studie mit 36 Patientinnen und Patienten, die THC-Kapseln oder Placebo erhielten – zeigten eine Verbesserung der Symptome, ohne dass dabei die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt wurden [61, 62, 63, 64]. Diese Verbesserungen könnten auch mit dem Einfluss der Cannabinoide auf die mit Tourette verbundenen Angstzustände zusammenhängen.
Kopfschmerzen
Schon als Hanf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die westliche Medizin eingeführt wurde, gehörte Migräne zu den häufigsten Anwendungsgebieten. 1915 schrieb Sir William Osler, einer der Begründer der modernen Medizin, über Migräne: „Cannabis indica ist wahrscheinlich das Mittel, das die größte Zufriedenheit bringt.“ Auch heute gehört Migräne zu den häufig genannten Gründen, warum medizinisches Cannabis von Patientinnen und Patienten in verschiedenen Ländern genutzt wird.
Asthma
Asthma ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung mit Verengung der Atemwege. Eine Studie aus dem Jahr 1984 zu den bronchialen Effekten oral verabreichter Cannabinoide zeigte, dass THC eine akute bronchienerweiternde Wirkung haben kann. Hartley, Nogrady und Seaton berichteten außerdem, dass inhaliertes THC die Bronchodilatation bei Asthmapatientinnen und -patienten binnen Sekunden verbessern kann, wobei der Effekt stark von der Dosierung abhing. Diese Studien sind allerdings älter, und das Thema bleibt weiterhin ein offenes Forschungsfeld.
Bipolare Störung, Schizophrenie und psychische Gesundheit
Zur bipolaren Störung beschreiben Patientenerfahrungen, die in Übersichtsarbeiten von Grinspoon und Bakalar aus dem Jahr 1998 gesammelt wurden, mögliche Vorteile von Cannabis als Stimmungsstabilisator, etwa durch eine Verringerung manischer Gereiztheit und eine Modulation des Lithiumverbrauchs. Die klinische Evidenz bleibt hier jedoch weitgehend anekdotisch.
Bei Schizophrenie berichten wissenschaftliche Daten von kleineren Studien mit begrenzten Vorteilen im Vergleich zu klassischen Antipsychotika [56]. Cannabidiol zeigte im zentralen Nervensystem entzündungshemmende Effekte, die bei Psychosen theoretisch relevant sein könnten, doch die Forschung befindet sich noch in einem frühen Stadium.
CBD, medizinisches Cannabis und die deutsche Rechtslage: Was du wissen solltest
Cannabisöl beziehungsweise CBD als frei verkäufliches Produkt und medizinisches Cannabis auf ärztliche Verordnung sind zwei völlig unterschiedliche Dinge – mit unterschiedlichen Regeln, Qualitätsstandards und Einsatzgebieten.
Bei vielen der in diesem Artikel beschriebenen Erkrankungen – darunter Multiple Sklerose, schwere neuropathische Schmerzen, therapieresistente Epilepsie, Glaukom oder das Tourette-Syndrom – ist es notwendig, sich an eine Ärztin oder einen Arzt zu wenden. Medizinisches Cannabis, standardisierte Extrakte, zugelassene Arzneimittel wie Epidyolex oder Sativex und auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten müssen immer professionell eingeordnet werden.
CBD als unterstützendes Produkt kann bei Beschwerden wie leichter Angst, Schlafproblemen, weniger ausgeprägten chronischen Schmerzen oder bestimmten Hautproblemen eine ergänzende Rolle spielen. Es ersetzt jedoch weder eine Diagnose noch einen strukturierten medizinischen Behandlungsplan.
Was aus der wissenschaftlichen Forschung bisher hervorgeht – von In-vitro-Studien über randomisierte klinische Studien bis hin zu systematischen Übersichtsarbeiten – ist von großem Interesse und eröffnet reale Perspektiven bei häufigen und oft schwer behandelbaren Erkrankungen. Eine vorsichtige Interpretation dieser Daten schmälert ihren Wert nicht. Im Gegenteil: Sie zeigt, wie wichtig es ist, die weitere Entwicklung der Forschung in diesem Bereich aufmerksam zu verfolgen.









