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CBD bei Multipler Sklerose: Was die Wissenschaft 2026 sagt

16 Februar 2026 um 10:11 a.m.
Lesezeit: 10 min

Weltweit leben mehr als 2,8 Millionen Menschen mit Multipler Sklerose – einer neurodegenerativen Erkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift und schwerwiegende Symptome verursacht.

Chronische Schmerzen, Muskelkrämpfe, extreme Erschöpfung und der fortschreitende Mobilitätsverlust machen diese Krankheit zu einer der größten Herausforderungen der modernen Neurologie.

In den letzten zwanzig Jahren untersucht die medizinische Forschung verstärkt die Rolle von Cannabidiol (CBD) und anderen Cannabinoiden in der Symptombehandlung.

Multiple Sklerose ist zwar nach wie vor unheilbar, aber zahlreiche klinische Studien zeigen: Diese natürlichen Wirkstoffe können Schmerzen lindern, Krämpfe und Entzündungen reduzieren und damit den Alltag der Betroffenen spürbar verbessern.

Deutschland ließ 2011 mit Sativex das erste Cannabinoid-Medikament für diese Indikation zu und erkannte damit das therapeutische Potenzial von medizinischem Cannabis offiziell an.

Warum greift der Körper bei MS sich selbst an?

Multiple Sklerose ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Dabei greift das Immunsystem aus noch nicht vollständig geklärten Gründen körpereigene Strukturen des zentralen Nervensystems an.

Hauptangriffsziel ist das Myelin – jene Schutzschicht, die Nervenfasern umhüllt wie die Isolierung eines elektrischen Kabels. Wird das Myelin geschädigt, verlangsamen sich Nervensignale oder werden ganz blockiert. Das führt zu den typischen Krankheitssymptomen.

Der Krankheitsprozess beginnt mit einer Entzündung, die sowohl das Myelin als auch die Oligodendrozyten zerstört – jene Zellen, die es produzieren. In den betroffenen Regionen entstehen sogenannte „demyelinisierte Plaques“, Vernarbungen, die der Krankheit ihren Namen gaben. Im Laufe der Zeit gehen zunehmend Nervenzellen und Axone verloren, was zu bleibenden neurologischen Beeinträchtigungen führen kann.

Die Krankheit trifft vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 50 Jahren. Frauen erkranken etwa dreimal häufiger als Männer. Die geografische Verteilung zeigt: In Regionen fern des Äquators ist die Erkrankungshäufigkeit höher – ein Hinweis auf eine mögliche Rolle von Vitamin D und Sonnenexposition.

Auch genetische, umweltbedingte und infektiöse Faktoren spielen vermutlich eine Rolle bei der Entstehung.

Es gibt verschiedene Verlaufsformen der MS, jede mit charakteristischen Merkmalen:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): die häufigste Form (ca. 85 % der Fälle bei Diagnose) mit akuten Krankheitsschüben und dazwischenliegenden Erholungsphasen
  • Primär progrediente MS (PPMS): von Beginn an schleichende Verschlechterung ohne Remissionsphasen
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): beginnt als RRMS, geht dann in kontinuierliche Verschlechterung über
  • Progrediente MS mit Schüben (PRMS): stetige Verschlechterung mit gelegentlichen akuten Schüben

Die Symptome der Multiplen Sklerose

Muskelspastik betrifft im Krankheitsverlauf über 80 % aller MS-Patienten.

Sie äußert sich durch unwillkürliche Verkrampfungen, Steifheit, schmerzhafte Muskelkrämpfe und Bewegungseinschränkungen. Manche Betroffene beschreiben das Gefühl, „Muskeln aus Beton“ zu haben, die den Befehlen des Gehirns nicht mehr folgen. Die Krämpfe treten oft plötzlich auf, besonders nachts, stören den Schlaf und verursachen akute Schmerzen.

Neuropathische Schmerzen plagen 50 bis 86 % der MS-Patienten – die Zahlen variieren je nach Studie. Es handelt sich nicht um gewöhnliche Schmerzen: Betroffene berichten von anhaltendem Brennen, plötzlichen elektrischen Schlägen, intensivem Kribbeln. Die Trigeminusneuralgie, eine der schmerzhaftesten Erscheinungsformen, verursacht stechende Gesichtsschmerzen, die manche als „Messerstiche“ oder „Stromschläge“ beschreiben.

Weitere häufige Symptome:

  • ausgeprägte Erschöpfung (Fatigue), körperlich wie geistig
  • Sehstörungen mit Doppelbildern oder vorübergehendem Sehverlust
  • kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsprobleme, GedächtnisLücken, „vernebelte“ Wahrnehmung
  • Blasen- und Darmprobleme, teils mit Inkontinenz
  • Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
  • Sprech- und Schluckbeschwerden
  • sexuelle Funktionsstörungen
  • Depression und Angststörungen

Die Symptome unterscheiden sich stark von Patient zu Patient – das macht die Behandlung besonders komplex.

Zwei Betroffene können völlig verschiedene Krankheitsverläufe haben und benötigen individuell angepasste Therapien.

Wichtig zu wissen: Müdigkeit, Schmerzen und motorische Probleme können sowohl bei Gelenküberbeweglichkeit als auch bei MS auftreten – das kann die Diagnose manchmal erschweren.

Aktuelle Therapiemöglichkeiten

Die heutigen Behandlungsstrategien gliedern sich in zwei Bereiche: krankheitsmodifizierende und symptomatische Therapien.

Krankheitsmodifizierende Therapien zielen darauf ab, Schübe zu verhindern oder abzumildern, das Fortschreiten zu bremsen und längere beschwerdefreie Phasen zu erreichen. Immunmodulatoren und -suppressiva wie Interferon-Beta, Glatirameracetat, Fingolimod, Natalizumab und Ocrelizumab haben sich als wirksam erwiesen.

Ocrelizumab wurde auch für die primär progrediente Verlaufsform zugelassen – ein wichtiger Durchbruch. Allerdings können diese Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben: Reaktionen an der Einstichstelle, grippeähnliche Beschwerden, erhöhte Infektanfälligkeit, Leberschäden, Depressionen. Die eingeschränkte Verträglichkeit führt dazu, dass manche Patienten die Behandlung abbrechen.

Symptomatische Therapien lindern die belastenden Beschwerden. Gegen Spastik kommen Baclofen, Tizanidin und Benzodiazepine zum Einsatz. Neuropathische Schmerzen werden mit Antiepileptika wie Gabapentin und Pregabalin oder mit Antidepressiva behandelt. Bei örtlich begrenzten Krämpfen hilft Botulinumtoxin.

Leider wirken diese Medikamente oft nur teilweise, und die Nebenwirkungen können problematisch sein: Müdigkeit, Verwirrtheit, Muskelschwäche, Abhängigkeit (bei Benzodiazepinen). Viele Patienten berichten, dass herkömmliche Medikamente Schmerzen und Spastik nicht ausreichend kontrollieren – das schafft Raum für ergänzende Ansätze.

Diese Unzufriedenheit mit den verfügbaren Optionen hat die Forschung zu Cannabinoiden vorangetrieben – Wirkstoffe, die über andere Mechanismen wirken als konventionelle Medikamente.

Das Endocannabinoid-System: Schnittstelle zwischen Cannabis und Nervensystem

Um zu verstehen, wie CBD bei MS helfen kann, muss man das Endocannabinoid-System kennen. Dieses in den 1990er Jahren entdeckte biologische System durchzieht den gesamten Körper und reguliert zahlreiche Vorgänge: Schmerzempfinden, Entzündungen, Immunantwort, Schlaf, Appetit und Stimmung. CBD wirkt genau über dieses System auf den menschlichen Körper.

Das Endocannabinoid-System besteht aus:

•   Endocannabinoiden: körpereigene Substanzen wie Anandamid und 2-AG

•   Cannabinoid-Rezeptoren: vor allem CB1 und CB2

•   Enzymen: die Endocannabinoide aufbauen und abbauen

CB1-Rezeptoren finden sich hauptsächlich im zentralen und peripheren Nervensystem. Werden sie aktiviert, verringert sich die Freisetzung von Neurotransmittern – das dämpft Schmerzwahrnehmung und Muskelverkrampfungen. CB2-Rezeptoren sitzen vor allem auf Immunzellen. Ihre Aktivierung kann Entzündungen hemmen.

Bei MS scheint das Endocannabinoid-System verändert zu sein. Manche Studien fanden erhöhte Endocannabinoid-Spiegel im Nervenwasser von MS-Patienten – vermutlich ein Selbstschutzmechanismus des Körpers gegen Entzündung und Schädigung.

Die Cannabis-Cannabinoide CBD und THC ähneln strukturell den körpereigenen Endocannabinoiden. Sie können daher an CB1- und CB2-Rezeptoren andocken und therapeutisch wirken. THC bindet direkt an die Rezeptoren, CBD wirkt indirekter – es reguliert das System und verstärkt die Wirkung der natürlichen Endocannabinoide.

Klinische Studien zu Cannabis

Die Cannabinoid-Forschung bei MS hat einen schrittweisen Weg zurückgelegt und immer festere Belege gesammelt.

Die CAMS-Studie (2003)

2003 erschien die erste große randomisierte kontrollierte Studie mit 630 MS-Patienten. Die Teilnehmer erhielten 15 Wochen lang entweder einen Cannabisextrakt (mit 2,5 mg THC + 1,25 mg CBD), reines THC (Marinol) oder Placebo [1].

Die Ergebnisse waren vielversprechend: Patienten unter Cannabinoid-Behandlung berichteten von deutlichen Verbesserungen bei Schmerzen, subjektiv empfundener Spastik, Schlafqualität und depressiven Symptomen. Die Ashworth-Skala zur objektiven Messung des Muskeltonus zeigte zwar keine signifikanten Unterschiede, doch führten Forscher dies eher auf die Unzulänglichkeit des Messinstruments zurück als auf mangelnde Wirksamkeit.

Eine 12-monatige Nachbeobachtung mit 80 % der ursprünglichen Teilnehmer bestätigte die Vorteile. Mit sensibleren Messinstrumenten wie dem Rivermead Mobility Index wurden die Verbesserungen bei Spastik und Mobilität deutlich sichtbar [2].

Die Sativex-Ära (2010–2011)

2010 veröffentlichten Wade und Kollegen eine Meta-Analyse aus drei randomisierten kontrollierten Studien mit 666 Patienten, die Nabiximols (Handelsname Sativex) erhielten – ein Mundspray mit THC und CBD im Verhältnis 1:1. Die Ergebnisse zeigten: Nabiximols lindert Spastik und wird gut vertragen [3].

Die wichtigste Studie folgte 2011: eine Phase-III-Studie in Tschechien mit besonderem Design. Zunächst erhielten alle 572 Teilnehmer vier Wochen lang Sativex. Nur die 272 Patienten, die eine Besserung der Spastik um mehr als 20 % zeigten (die „Early Responders“), setzten die Behandlung weitere 12 Wochen fort [4].

Die Spastik-Scores (NRS) sanken im Schnitt um 3,01 Punkte (von 6,91 auf 3,9) – eine klinisch relevante Verbesserung. Auch Krampfhäufigkeit und Schlafprobleme besserten sich signifikant. Diese Phase-III-Studie war die erste, die eine klinisch bedeutsame Spastik-Linderung durch Nabiximols nachwies – der Weg zur Zulassung war geebnet.

Sativex in Deutschland: Zulassung und Zugang

Am 1. Juli 2011 wurde Sativex in Deutschland zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Spastik bei MS-Patienten zugelassen, die auf andere Antispastika nicht ausreichend ansprechen. Es war das erste cannabinoidbasierte Fertigarzneimittel in Deutschland für diese Indikation.

Sativex enthält standardisierten Extrakt aus Cannabis sativa mit THC und CBD im Verhältnis 1:1. Jeder Sprühstoß liefert 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD. Das Medikament wird oromukosal angewendet (Spray unter die Zunge oder an die Wangenschleimhaut) – das ermöglicht rasche Aufnahme und präzise Dosierung.

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) haben die Rolle von Cannabis bei MS anerkannt und seine schmerzlindernden, entzündungshemmenden, antispastischen und krampflösenden Eigenschaften hervorgehoben. Die Verbände forderten einheitliche Standards bei Verschreibung und Kostenübernahme in ganz Deutschland.

Seit 2017 ist in Deutschland die Kostenübernahme für Cannabis bei chronischen Schmerzen und Spastik durch MS möglich. Mit der Cannabis-Teillegalisierung im April 2024 und dem neuen Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) wurde der Zugang weiter erleichtert: Medizinisches Cannabis unterliegt nicht mehr dem Betäubungsmittelgesetz und kann auf normalem Rezept verschrieben werden. Bei bestimmten Facharztgruppen entfällt die vorherige Genehmigung durch die Krankenkasse – das vereinfacht den Zugang deutlich.

Allerdings ist die Kostenübernahme nicht bundesweit einheitlich geregelt. Manche Bundesländer haben Erstattungsregelungen für ambulante und stationäre Behandlungen geschaffen, andere nicht. Diese Ungleichheit führt zu unterschiedlichen Zugangschancen für Betroffene.

Neben Sativex sind in Deutschland weitere Cannabispräparate über zugelassene Apotheken erhältlich: Sorten wie Bedrocan, Bediol, Bedrolite und Bedrobinol können ärztlich verordnet werden – als Blüten, Öle oder Extrakte.

CBD vs. THC

THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) ist das wichtigste psychoaktive Cannabinoid. Es bindet direkt an CB1-Rezeptoren im Gehirn und erzeugt die euphorisierenden Effekte von Marihuana. Therapeutisch wirkt THC gegen Schmerzen, Übelkeit, Spastik und Appetitlosigkeit – kann aber auch kognitive Beeinträchtigungen, Angst und Herzrasen auslösen.

CBD (Cannabidiol) wirkt nicht psychoaktiv. Es bindet nicht direkt an CB1-Rezeptoren, sondern moduliert das Endocannabinoid-System, verstärkt körpereigene Endocannabinoide und beeinflusst weitere Rezeptoren wie Vanilloid-Rezeptoren (beteiligt an Schmerzwahrnehmung). CBD hat nachweislich entzündungshemmende, neuroprotektive, angstlösende und krampflösende Eigenschaften.

Kombiniert erzeugen THC und CBD den sogenannten „Entourage-Effekt“: Die beiden Cannabinoide wirken synergistisch und verstärken sich gegenseitig. CBD kann zudem einige THC-Nebenwirkungen wie Angst und Herzrasen abschwächen. Deshalb enthalten viele medizinische Präparate beide Wirkstoffe in ausgewogener Mischung.

Wie Cannabinoide bei MS wirken

Cannabinoide entfalten ihre therapeutischen Effekte über mehrere Mechanismen.

Antispastische Wirkung

THC bindet an CB1-Rezeptoren auf Nervenzellen und verringert so die Freisetzung erregender Botenstoffe, die unwillkürliche Muskelverkrampfungen auslösen. Dieser Mechanismus erklärt die nachgewiesene Wirkung gegen Spastik. CBD verstärkt diesen Effekt auf indirekten Wegen – durch Regulation von Ionenkanälen und Rezeptoren.

Schmerzlindernde Wirkung

Neuropathische Schmerzen bei MS entstehen durch Nervenschädigungen. Cannabinoide greifen auf mehreren Ebenen der Schmerzweiterleitung ein: Sie verringern die Ausschüttung schmerzauslösender Substanzen, beeinflussen die Erregbarkeit sensorischer Nervenzellen und aktivieren absteigende Hemmungsbahnen im Rückenmark. CBD wirkt insbesondere auf Vanilloid-TRPV1-Rezeptoren, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind.

Entzündungshemmende Eigenschaften

Entzündungen spielen bei MS eine zentrale Rolle. CB2-Rezeptoren auf Immunzellen setzen bei Aktivierung durch Cannabinoide weniger entzündungsfördernde Botenstoffe frei – etwa TNF-alpha, Interleukin-1 und Interleukin-6. Präklinische Studien zeigen: CBD kann das Eindringen von Immunzellen ins zentrale Nervensystem verringern und die Neubildung demyelinisierter Plaques hemmen.

Neuroprotektive Effekte

Einige Daten deuten darauf hin, dass Cannabinoide – insbesondere CBD – Nervenzellen vor oxidativem Stress und programmierten Zelltod (Apoptose) schützen können. Dieses neuroprotektive Potenzial könnte helfen, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Allerdings sind weitere Studien nötig, um diese Hypothese zu bestätigen [5].

Nebenwirkungen und Sicherheit

Bei jeder Therapie muss man Nutzen und Risiken abwägen.

Studien zu Cannabinoiden bei MS dokumentieren ein insgesamt günstiges Sicherheitsprofil mit überwiegend leichten bis mittelschweren Nebenwirkungen.

Die häufigsten unerwünschten Wirkungen:

•   Benommenheit und Schwindel: die häufigste Nebenwirkung, besonders zu Behandlungsbeginn

•   Mundtrockenheit: durch Wirkung auf Cannabinoid-Rezeptoren in den Speicheldrüsen

•   Müdigkeit: manche Patienten berichten Schläfrigkeit, vor allem bei höheren Dosen

•   Magen-Darm-Beschwerden: in manchen Fällen Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung

•   Desorientierung: vorübergehendes Gefühl geistiger Verwirrung

Berechtigte Sorge gilt möglichen psychischen Nebenwirkungen – schließlich leiden MS-Patienten häufig bereits unter Depressionen, Ängsten und kognitiven Störungen. Die Analysen zeigten aber Beruhigendes: Euphorie trat nur bei 2,2 % der Patienten auf, Depressionen bei 2,9 %, und nur drei Psychose-Fälle wurden bei Tausenden behandelter Patienten dokumentiert.

Wichtig: Es traten weder Toleranzentwicklungen (Notwendigkeit steigender Dosen) noch Entzugserscheinungen auf – auch nicht bei abruptem Therapieabbruch.

Dosierung und Anwendung

Die Cannabinoid-Dosierung bei MS muss individuell angepasst werden. Es gibt keine Einheitsdosis – die Reaktion hängt von vielen Faktoren ab: Symptomschwere, Körpergewicht, Stoffwechsel und individuelle Cannabinoid-Empfindlichkeit.

Der empfohlene Ansatz folgt dem Prinzip „start low, go slow“ (niedrig beginnen, langsam steigern):

•   Anfangsphase: mit sehr niedriger Dosis beginnen, um Verträglichkeit zu testen

•   schrittweise Steigerung: Dosis alle 3–7 Tage erhöhen

•   minimal wirksame Dosis: jene Dosierung finden, die Linderung bringt bei geringen Nebenwirkungen

•   Erhaltung: optimale Dosis beibehalten

Für Sativex gilt folgendes Standardschema: erste Woche ein Sprühstoß abends, zweite Woche je ein Sprühstoß morgens und abends, folgende Wochen schrittweise Steigerung bis maximal 12 Sprühstöße täglich. Die meisten Patienten kommen mit 4–8 Sprühstößen pro Tag aus, über den Tag verteilt.

Bei CBD-Ölen oder Cannabinoid-Kombinationen: Konzentration 5–10 % anfangs 3–4 Tropfen täglich für 7–10 Tage, dann schrittweise Steigerung um 3–4 Tropfen morgens und abends, wenn Symptome fortbestehen. Manche Menschen benötigen bei schweren Symptomen Konzentrationen von 15–20 %.

CBD sollte vorzugsweise sublingual (unter der Zunge) eingenommen werden – dort wird es rasch über die Schleimhaut aufgenommen. Das Öl 60–90 Sekunden unter der Zunge halten, bevor man schluckt – das maximiert die Aufnahme.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Cannabinoide werden hauptsächlich in der Leber durch Enzyme des Cytochrom-P450-Systems abgebaut, insbesondere CYP3A4 und CYP2C19. Dieselben Enzyme verstoffwechseln zahlreiche andere Medikamente – das schafft Wechselwirkungspotenzial.

Medikamente mit möglichen Wechselwirkungen: Gerinnungshemmer (Warfarin), Antiepileptika (Clobazam, Valproat), Immunsuppressiva (Tacrolimus, Ciclosporin), Beruhigungsmittel (Benzodiazepine), Antidepressiva (SSRI, Trizyklika).

Besondere Vorsicht gilt bei häufig in der MS-Therapie eingesetzten Medikamenten. Patienten, die Baclofen, Tizanidin oder Benzodiazepine gegen Spastik nehmen, könnten unter zusätzlicher Cannabinoid-Einnahme verstärkte Müdigkeit erleben.

Unbedingt erforderlich: den Arzt vor Therapiebeginn über alle eingenommenen Medikamente informieren, mögliche Wirkveränderungen der gewohnten Medikamente sorgfältig beobachten und regelmäßige Blutkontrollen bei Medikamenten mit engem therapeutischem Bereich durchführen lassen.

Rechtslage und Zugang in Deutschland

Die Rechtslage zu medizinischem Cannabis in Deutschland verdient Klärung. Sativex ist ein regulär zugelassenes Arzneimittel, das jeder Arzt für die zugelassene Indikation (Spastik bei MS ohne ausreichendes Ansprechen auf andere Behandlungen) verschreiben darf.

Weitere Cannabispräparate können seit März 2017 nach dem Gesetz „Cannabis als Medizin“ verordnet werden. Mit der Cannabis-Teillegalisierung vom April 2024 und dem neuen Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) fiel medizinisches Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz heraus. Die Indikationen: chronische Schmerzen und MS-assoziierte Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie, Appetitanregung bei AIDS, Anorexie, Kachexie, Augendrucksenkung bei Glaukom, Minderung unwillkürlicher Bewegungen beim Tourette-Syndrom.

Für die Verordnung von Cannabisextrakten oder -blüten zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung muss vor Erstverordnung ein Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse gestellt werden. Bei bestimmten Facharztgruppen soll der Genehmigungsvorbehalt entfallen – das erleichtert den Zugang. Die Umsetzung variiert aber zwischen den Bundesländern.

CBD-Produkte aus Hanf mit unter 0,2 % THC sind legal und frei verkäuflich. Sie gelten nicht als Arzneimittel, sondern als Nahrungsergänzungsmittel. Sie können bei leichten Beschwerden oder als Ergänzung helfen – bei schweren Symptomen sind aber medizinische Präparate mit kontrollierter Dosierung und ärztlicher Begleitung vorzuziehen.

Wann zum Facharzt?

Cannabinoide bei MS sollten immer unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden – vor allem THC-haltige Präparate. Ein in MS erfahrener Neurologe kann beurteilen, ob Cannabinoide im Einzelfall sinnvoll sind, Gegenanzeigen ausschließen, geeignete Medikamente verordnen, Wirkung und Nebenwirkungen überwachen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten berücksichtigen und die Dosierung je nach Ansprechen anpassen.

Manche auf MS spezialisierte Zentren haben besondere Erfahrung mit medizinischem Cannabis und können gut strukturierte Behandlungspläne anbieten.

Wichtig: Cannabinoide ersetzen nicht die krankheitsmodifizierende Therapie. Diese bleibt unverzichtbar, um das Fortschreiten zu bremsen und Schübe zu verhindern. Cannabinoide sind als ergänzende Möglichkeit zur Symptomkontrolle zu verstehen – nicht als Ersatz für die Basistherapie.

Wissenschaftliche Referenzen

  • [1] Zajicek J, Fox P, Sanders H, et al. (2003). "Cannabinoids for treatment of spasticity and other symptoms related to multiple sclerosis (CAMS study): multicentre randomised placebo-controlled trial". The Lancet, 362(9395):1517-1526.
  • [2] Zajicek JP, Sanders HP, Wright DE, et al. (2005). "Cannabinoids in multiple sclerosis (CAMS) study: safety and efficacy data for 12 months follow up". Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 76(12):1664-1669.
  • [3] Wade DT, Collin C, Stott C, Duncombe P. (2010). "Meta-analysis of the efficacy and safety of Sativex (nabiximols), on spasticity in people with multiple sclerosis". Multiple Sclerosis, 16(6):707-714.
  • [4] Novotna A, Mares J, Ratcliffe S, et al. (2011). "A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols (Sativex), as add-on therapy, in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis". European Journal of Neurology, 18(9):1122-1131.
  • [5] Pryce G, Baker D. (2018). "Endocannabinoids in Multiple Sclerosis and Amyotrophic Lateral Sclerosis". Frontiers in Pharmacology, 9:1259.

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